Gutes tun, tut gut: Farbe im Alltag

Vor gut vier Jahren trafen sich einige Interessierte im Pfarrsaal von St. Hubertus in Brück, um die Initiative „Willkommen in Brück und Neubrück“ auf die Beine zu stellen. Damals dachten wohl die meisten, nach ein paar Monaten wäre die Willkommens-Arbeit getan.

Es kam anders, ganz anders. Derzeit leben immer noch über 300 Geflüchtete in unserer Nachbarschaft. Und es geht längst nicht mehr darum, sie mit dem Nötigsten zu versorgen, denn die meisten sind in unserem Alltag angekommen.

Viele haben sich mit Erfolg auf den oft mühsamen Weg gemacht, hier ihr Zuhause zu finden, sich zu integrieren. Das gelingt aber nicht ohne unsere Unterstützung: Wir begleiten Grundschul-Kinder und Geflüchtete, die Richtung Abitur unterwegs sind. Hausaufgabenhilfe, Prüfungsvorbereitung, Nachhilfe, gehören ebenso dazu wie die Begleitung zu Behörden oder bei der Suche nach Arbeit. Und schließlich organisieren wir auch Freizeitangebote für Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer.

Aber: Nicht alles, was getan werden müsste, können wir tun. Deshalb suchen wir immer noch Verstärkung. Auch ein paar wenige Stunden in der Woche können helfen. Die Hilfe lohnt sich – nicht nur für die Geflüchteten. Auch für die Helferinnen und Helfer. Es kommt viel Dankbarkeit zurück, es entstehen mitunter freundschaftliche Kontakte.

Die Geflüchteten brauchen uns, um in unserer Mitte dauerhaft ihren Platz zu finden. Es gibt eine Menge zu tun – und das wird sich so bald auch nicht ändern. Aber: Gutes tun kann gut tun. Das ist inzwischen die Erfahrung vieler, die einen Teil ihrer freien Zeit dem Engagement in der Initiative schenken. Einige Beispiele aus unserem Alltag mit den Geflüchteten machen das deutlich.


Farbe im Alltag

„Alles was ich brauche, ist Pinsel und Farbe!“ Das Gesicht von Binay, Kurde aus dem Irak, hellt sich auf, wenn er auf seine große Leidenschaft zu sprechen kommt: Malen. In den beengten Verhältnissen der Unterkunft teilt er sich das Zimmer mit zwei weiteren Geflüchteten, es ist eng, stickig und unaufgeräumt. Trotzdem hat er es geschafft, aus dem kleinen Tisch in der Ecke eine Art Atelier zu machen, in dem er Entspannung und Ruhe findet. Farben, Skizzenblock, Bleistifte und seine neuesten Werke teilen sich den beschränkten Platz und setzen einen bunten Farbtupfer im nüchternen Ambiente aus Wäscheständer und weißen Wänden. „Ich zeichne und male, seit ich Kind war“, erklärt der gelernte Bäcker Binay, der sich alles selbst beigebracht hat und jeden Tag mindestens eine Stunde mit Pinsel und Ölfarbe verbringt.

Er geht zu seinem Spind, öffnet ein massives Vorhängeschloss und zieht eine dicke Rolle aus Leinwänden hervor. Dann breitet er alles auf dem Boden aus. Es sind bestimmt 50 Gemälde, groß oder klein, sowie unzählige Zeichnungen. Zuviel für das Dreibettzimmer, die Kunstwerke liegen jetzt wie ein Flickenteppich übereinander. Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ hat Binay inspiriert, von ihr gibt es gleich mehrere Varianten in Öl oder als Bleistiftzeichnung. Aber auch Lara Croft lächelt dem Gast entgegen, Fußballstar Cristiano Ronaldo oder Binays kleine Tochter, die bei der Mutter lebt.

„Jeden Sonntag besuche ich das Wallraff-Richartz-Museum. Ein toller Ort mit wunderbarer Kunst!“ begeistert sich der 34-jährige Binay. Auf die Frage, ob er, der deutsch sprachige Bücher problemlos liest, auch Kunstbücher wälzt, kommt eine Antwort, die typisch ist für die meisten Geflüchteten – sie nutzen das Internet: „Ich schaue mir Youtube-Videos aus der National Gallery in London an. Darin werden die Bilder vorgestellt und erklärt.“ So ist Binay virtuell unterwegs in seiner ganz eigenen Kunsthochschule, in der er Lehrer und Lernender zugleich ist, lässt sich inspirieren von alten Meistern, aber auch Momentaufnahmen aus dem Alltag. Den Skizzenblock hat er jedenfalls immer dabei.

Gerne würde er von seinem Talent leben, aber das ist schwierig. So belässt es Binay im Moment mit der Erkenntnis: „Ich übe ja immer noch. Alle meine Gemälde und Zeichnungen sind noch nicht perfekt, und so kann ich dafür auch kein Geld verlangen. Klar, wenn jemand ein Bild kaufen möchte, kann er das gerne tun. Ich veröffentliche alles bei Facebook und freue mich, wenn es den Leuten gefällt.“ Für die Zukunft hat er die Hoffnung, eine Arbeit zu finden, die es ihm ermöglicht, seine Kunst zu finanzieren – Farbe, Leinwand oder Skizzenblöcke kosten Geld. Viel Geld, wenn man so produktiv ist wie Binay. Seine Lösung: „Ich male viele kleinformatige Bilder. So verbrauche ich weniger Farbe! Und wenn ich eine besonders gute und entsprechend teure Tube Farbe habe, überlege ich mir sehr genau, wann ich sie benutze.“ Eher verzichtet der Raucher Binay auf das Päckchen mit dem Tabak als auf seine Malutensilien, für die er sich jeden Monat ein festes Budget zusammenspart. Er arbeitet zielgerichtet an seiner Kunst, will immer noch besser werden und muss doch ganz pragmatisch den Alltag bewältigen, der so unpoetisch und anstrengend sein kann. Aber vielleicht ist das auch seine Motivation: „Ich möchte den Menschen Hoffnung geben!“

Für ihn selbst klappt das mit der Hoffnung schon ganz gut. Das sieht man an seinem Gesicht, wenn er über seine große Leidenschaft spricht.

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