Gutes tun, tut gut: „Wir lachen viel!“

Zur Unterstützung der Geflüchteten können wir nicht alles tun, was getan werden müsste. Deshalb suchen wir weiterhin Verstärkung. Auch ein paar wenige Stunden in der Woche können helfen. Die Hilfe lohnt sich – nicht nur für die Geflüchteten, sondern auch für die Helferinnen und Helfer. Es kommt viel Dankbarkeit zurück, es entstehen mitunter freundschaftliche Kontakte.

Die Geflüchteten brauchen uns, um in unserer Mitte dauerhaft ihren Platz zu finden. Es gibt eine Menge zu tun – und das wird sich so bald auch nicht ändern. Aber: Gutes tun kann gut tun. Das ist inzwischen die Erfahrung vieler, die einen Teil ihrer freien Zeit dem Engagement in der Initiative schenken.

Zum Ausklang des Jahres schildern wir einige Beispiele aus unserem Alltag mit den Geflüchteten.


Samir kommt im Sommer 2015 nach Köln. Bei seinen ersten Besuchen im Sonntagscafé von „Willkommen in Brück“ wird Ilse auf den damals Neunzehnjährigen aufmerksam. Sie erfährt, dass Samir aus Afghanistan stammt. Dort hat er in seinem Heimatdorf dem Vater auf dem Bauernhof geholfen. Ein friedliches Leben war das nicht – die Taliban bedrängten und bedrohten die Familie, der Vater wurde mit Schüssen verletzt und eingeschüchtert. Samir entgeht der Rekrutierung durch die Taliban, indem er in den benachbarten Iran geht. Dort schlägt er sich mit Hilfsjobs aller Art durch, unterstützt die Familie. Und spart für die Flucht über die Balkanroute.

Samir spricht bei seiner Ankunft in Köln kein Wort Deutsch. Er hat, so erzählt er mit großer Offenheit, nie eine Schule von innen gesehen – er ist Analphabet. Bei WinBrück sucht und findet er Unterstützung, und nimmt umgehend an den angebotenen Sprachkursen teil. Samir ist ehrgeizig: Nur zwei Mal in der Woche Deutschunterricht? Das reicht ihm nicht! Nach kurzer Zeit hat er sich selbst einen offiziellen täglichen Sprachkurs in einer Sprachschule (Deutscher Familienverband/Kalk) besorgt – von da an nutzt er die ehrenamtliche Unterstützung zusätzlich.

Samir kommt gut voran, weil er nicht auf Hilfe wartet, sondern aktiv Kontakte knüpft. Über den Jugendmigrationsdienst (JMD) findet er den Weg in den Flüchtlingschor, er schließt sich einer Theatergruppe an und nimmt an einem Kochkurs teil. Außerdem spielt er im SC Brück mit Begeisterung Fußball. Kurz: Samir gestaltet sich seinen Alltag sehr selbständig.
Bis Spätherbst 2016 weiß er nicht, ob sein Asylantrag bewilligt wird. Als ein Anhörungstermin beim BAMF (Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge) in Münster ansteht, begleitet Ilse den Afghanen. Sie erfährt als Zuhörerin im Interview weitere erschreckende Details aus Samirs Lebensgeschichte und darf am Ende einen kurzen Kommentar abgeben. Den nutzt sie dazu, Samirs eigene Integrationsbemühungen und -erfolge zu beschreiben. Und tatsächlich: Nach mehreren Monaten kommt der Bescheid. Samir ist nun als Flüchtling anerkannt und erhält eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Damit hat er offiziell das Recht auf einen Integrationskurs. Er büffelt weiter Deutsch, absolviert ein Pflichtpraktikum in einem Restaurant und nimmt in der Kantine der Uniklinik Köln einen Minjob an. Durch seinen Ehrgeiz schafft er es, drei Sprachtests erfolgreich abzuschließen.

Das sind gute Voraussetzungen für weitere Schritte. Ilse macht Samir die Vorteile klar, die ein Schulabschluss in Deutschland bieten kann, und der junge Afghane meldet sich an einer Abendrealschule an. Er besteht die Aufnahmeprüfung und hat nun außer Deutsch zusätzlich die Fächer Mathematik, Englisch, Biologie und Gesellschaftslehre. Ilse arbeitet nun vermehrt mit Samir, mehrmals wöchentlich gibt sie ihm Nachhilfe in Deutsch und Mathe. Und zum Glück hat Samir noch eine weitere Unterstützerin: Monika. Samir kennt Monika aus den Anfangszeiten im Flüchtlingschor. Sie kümmert sich um den Kampf mit der Bürokratie und hat ihm geholfen, eine kleine private Wohnung zu finden. Außerdem hilft sie in Englisch und Biologie. Wichtig ist auch: Monika und Ilse stehen in gutem Kontakt miteinander. Sie sind jeweils froh, dass es die andere gibt.

Fragt man Ilse nach ihren Beweggründen, antwortet sie: „Es macht mir einfach Spaß mit Samir! Er gehört zu den Schülern, die es einem leicht machen, weil er interessiert, ehrgeizig und zuverlässig ist. Es macht mir Freude, ihm etwas beizubringen und ihn wachsen zu sehen. Ich lerne seine Welt kennen – die vergangene und die gegenwärtige – und er ist offen dafür, unsere Kultur zu verstehen. Samir nimmt Ratschläge an und geht selbstbewusst seinen eigenen Ideen nach. Und: Wir lachen viel!“

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