Gutes tun, tut gut: Von Damaskus nach Porz

Zur Unterstützung der Geflüchteten können wir nicht alles tun, was getan werden müsste. Deshalb suchen wir weiterhin Verstärkung. Auch ein paar wenige Stunden in der Woche können helfen. Die Hilfe lohnt sich – nicht nur für die Geflüchteten, sondern auch für die Helferinnen und Helfer. Es kommt viel Dankbarkeit zurück, es entstehen mitunter freundschaftliche Kontakte.

Die Geflüchteten brauchen uns, um in unserer Mitte dauerhaft ihren Platz zu finden. Es gibt eine Menge zu tun – und das wird sich so bald auch nicht ändern. Aber: Gutes tun kann gut tun. Das ist inzwischen die Erfahrung vieler, die einen Teil ihrer freien Zeit dem Engagement in der Initiative schenken.

Bis Weihnachten schildern wir einige Beispiele aus unserem Alltag mit den Geflüchteten.


Kurz vor Beginn der Sommerferien lernten wir F. aus Syrien kennen, der seit über zwei Jahren in Deutschland lebt. Ein sehr höflicher Mensch, aber auch bedrückt – und zunehmend verzweifelt.

Er erzählte uns seine Geschichte. F. stammt aus der Hauptstadt Damaskus, wo er zusammen mit seinem Bruder einen Friseurladen betrieb. Vor rund vier Jahren traf der Bürgerkrieg die Familie dann ganz unvermittelt und grausam. Die Familie war beim Mittagessen, als eine Bombe einschlug und seine Ehefrau, seine Mutter und einen Onkel tötete. F. und sein Vater wurden nur leicht verletzt, der damals vierjährige Sohn, im Nebenzimmer schlafend, blieb unversehrt. Nach einem Jahr heiratete F. erneut. Seine neue Frau R. erwartete gerade ein Kind, als auch sein Bruder auf den Straßen von Damaskus ums Leben kam. Daraufhin beschloss die Familie, dass F. sofort Syrien verlassen müsse.

F. gelangte nach Deutschland und setzte alles daran, seine Familie ebenfalls nachzuholen. Er wartetet rund neun 9 Monaten darauf, seine Familie – Frau, Sohn und die inzwischen zweieinhalb Jahre alte Tochter, die er noch gar nicht kannte – wiederzusehen. F. erzählte uns, dass er in dieser Zeit an nichts anderes mehr denken konnte. Deutsch zu lernen fiel ihm immer schwerer, im Unterricht schweiften seine Gedanken ab zu seiner Familie und den Gefahren, denen sie ausgesetzt war. Jeden Abend weinte seine Frau am Telefon. Sie hatte schon den Verdacht, dass er sie gar nicht in Deutschland haben wolle.

Dennoch: Anfang September 2017 waren alle Formalitäten im libanesischen Beirut erledigt, wo die deutsche Botschaft der Ansprechpartner für die Ausreise aus Syrien ist. Es hieß, die Visa für den Flug nach Deutschland seien in spätestens sechs Monaten zu erwarten. Hier in Köln begleite ich F. inzwischen zweimal zum Ausländeramt. Die Mitarbeiter sind sehr freundlich, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam: Jetzt sei Urlaubszeit, und in den nächsten drei Wochen sei nichts zu erwarten. Beim zweiten Besuch ein ähnliches, frustrierendes Ergebnis: Wir legen der Vorgang der Sachbearbeiterin vor, alle sind guten Willens – aber im Büro der Vorgesetzten stapeln sich noch 150 Akten, die noch nicht eingescannt wurden. Die Schule beim Verein muslimischer Frauen, in der F. seine Sprachkurse macht, unterstützt unsere Aktivitäten durch Anrufe bei der Botschaft in Berlin, auch die Caritas wird tätig. Doch die Tage vergehen.

Dann endlich, Ende August, die erlösende Nachricht: Die Visa lägen in Beirut bereit, die Familie könne über die libanesische Hauptstadt ausreisen. Freunde haben F. geholfen, Flüge zu besorgen. Der Versuch, eine vernünftige Bleibe vom ersten Tag an zu organisieren, scheitert allerdings. So muss die Familie am Ankunftstag in die Notunterkunft an der Herkulesstraße ziehen. Einziger Erfolg: F. darf seine Unterkunft verlassen und mit der Familie zusammenziehen.

Die folgenden zwei Wochen sind täglich mit Behördengängen ausgefüllt, und die Erfahrung zeigt, dass diese Begleitung unbedingt notwendig ist, wenn etwas vorangehen soll. Unbegleitete Behördenbesuche führten immer zu Aufschub von Seiten der Behörden – oder zu Ratlosigkeit bei der Familie. Die Sprachbarriere tat dabei ihr übriges, denn das Sprachverständnis der Familie nahm in Stresssituationen rapide ab.

Nach vier Wochen ein Erfolg in Sachen Wohnung: Die Familie von F. kann umziehen in Räume mit besserer Wohnqualität, auch eine Selbstversorgung ist nun möglich. Doch der Ortswechsel nach Köln-Porz bringt neue Herausforderungen und Formalitäten, denn nun ist ein anderes Bürgeramt zuständig. Eine Folge: Der bevorstehende Schulbesuch des achtjährigen Sohnes verzögert sich, denn das Schulamt erfährt von dem Umzug nur durch die ehrenamtliche Begleitperson. Auch die Bearbeitung der Aufenthaltsgenehmigung für die Ehefrau dauert an, die angekündigten Fristen sind längst überschritten. Wieder einmal stolpert die Bürokratie über ihre eigenen (Papier-)Beine!

Trotzdem geht es irgendwie weiter. Auch wenn die Situation anstrengend ist, weil zwei kleine Kinder und zwei Erwachsene beengt in einem Raum leben müssen: Die Familie ist glücklich und dankbar, dass sie zusammen ist. Sie wissen, dass alles seine Zeit braucht. F. und seine Familie wollen Keinem zur Last fallen und regeln viel mit ihren syrischen Freunden. Trotzdem ist unsere Hilfe wichtig, denn ohne sie würden sie viel wertvolle Zeit verlieren. So wächst langsam ein Vertrauensverhältnis – und das ist für eine Ehrenamtlerin durchaus eine Bereicherung!

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