Gutes tun, tut gut: Musik als Mutmacher

Zur Unterstützung der Geflüchteten können wir nicht alles tun, was getan werden müsste. Deshalb suchen wir weiterhin Verstärkung. Auch ein paar wenige Stunden in der Woche können helfen. Die Hilfe lohnt sich – nicht nur für die Geflüchteten, sondern auch für die Helferinnen und Helfer. Es kommt viel Dankbarkeit zurück, es entstehen mitunter freundschaftliche Kontakte.

Die Geflüchteten brauchen uns, um in unserer Mitte dauerhaft ihren Platz zu finden. Es gibt eine Menge zu tun – und das wird sich so bald auch nicht ändern. Aber: Gutes tun kann gut tun. Das ist inzwischen die Erfahrung vieler, die einen Teil ihrer freien Zeit dem Engagement in der Initiative schenken.

Auch zum Beginn des neuen Jahres schildern wir ein weiteres Beispiel aus unserem Alltag mit den Geflüchteten.

 


 

Behnam ist freundlich, höflich, zurückhaltend. Selbst an diesem Abend, als er auf einer kleinen Bühne in Köln-Kalk und damit im Mittelpunkt des Geschehens steht, spürt man sein Unwohlsein über die Aufmerksamkeit, die er bekommt. Behnam rappt. Im Rahmen eines Kreativprojekts mit einer Schauspielschule trägt der schlanke Iraner zum scheppernden Beat aus dem unterdimensionierten Lautsprecher eine traurige Geschichte vor, die von Sehnsucht und verlorener Liebe handelt. Leise, tastend, klagend reiht er die Sätze aneinander.

Behnam rappt: „Harfe Akhar“

Text & Musik (c) Behnam Aliyari

Im Gegensatz zu vielen anderen Möchtegern-Hip-Hop-Helden, die im Rap selbstbewusste Lautmalerei in eigener Sache sehen, ist das Spiel mit Rhythmus und Sprache für Behnam mehr ein introvertiertes Zwiegespräch mit sich selbst.

Das hat Gründe. Behnam, 25, kam vor drei Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Im Gepäck: Eine Menge schlimmer Erinnerungen, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben. Im Iran musste er Militärdienst leisten, erlebte Willkür, Grausamkeiten und Demütigungen. Man warf ihn aus fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis, bedrohte seine Familie. Behnam floh – und fand sich wieder in einer Welt, die ihm am Anfang verschlossen schien. Mit viel Fleiß, Durchhaltewillen und der Hilfe von Ehrenamtlern wie Marion tastete er sich vor in die bundesrepublikanische Wirklichkeit mit all ihren Luxusproblemen und handfesten Barrieren für Menschen, die Luxus nicht kennen.

Marion von „Willkommen in Brück“ begleitet Behnam, besorgte ihm nach einer viel zu langen Zeit in einer Flüchtlingsunterkunft ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, spornte an und unterstützte ihn. Kurz: Sie war immer da, wenn die schwarzen Schatten des Gestern bei Behnam übermächtig zu werden drohten. Und konnte Marion nicht weiterhelfen, blieb ihm immer noch die Musik. All die Widersprüche, all die Verletzungen und schmerzhaften seelischen Narben verarbeitet er in Beats und Reimen: „Musik ist mir sehr wichtig, weil ich damit meine Gefühle ausdrücken kann“, erklärt er. „Wenn ich traurig bin oder wütend, dann gebe ich das alles hinein in die Musik. Es ist mir nicht wichtig, ob die Leute es hören. Es geht um meine Gefühle, mein Leben. Ich mache es nur für mich.“ Deshalb also diese Scheu auf der Bühne, die Introvertiertheit: Behnam ist nicht nur sein eigener Künstler – er ist auch am liebsten sein eigenes Publikum.

Zum Glück werden die schwarzen Schatten langsam kleiner, denn Behnam arbeitet unermüdlich an einer besseren Zukunft. Er ist fleißig, interessiert sich für seine Umgebung, spricht inzwischen sehr gut Deutsch und macht sich eine Menge Gedanken über das Morgen. Behnam ist keiner, der rumsitzt und nichts tut. Er knüpft Kontakte, probiert aus, ist umtriebig, ja, manchmal wohl auch rastlos. Aber es bringt etwas: Gerade hat er ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kindertagesstätte begonnen. Parallel dazu will er seine Mittlere Reife nachholen. Das Ziel: Eine Ausbildung als Erzieher.

Auf die Idee kam er über eine Aktion der Initiative „Willkommen in Brück“: Behnam half beim Spielezirkus aus, der in den Sommerferien in Neubrück gastierte – und entdeckte sein „Händchen“ für die Kids. Seine Augen glänzen, wenn er von seinen Erfahrungen erzählt: „Die Kinder mögen mich! Und für mich sind sie wie kleine Brüder und Schwestern. Was auch wichtig ist – mit Kindern ist es für mich einfacher. Wenn ich einen Fehler beim Sprechen mache, lachen sie sich zwar kaputt. Aber dann sagen sie mir ganz deutlich das richtige Wort!“ Erwachsene lachen auch, wenn er einen Fehler macht. „Aber es ist ein anderes Lachen“, ergänzt Behnam. Die Wärme der Kinder, ihre Unmittelbarkeit gefällt ihm besser als die kalte Ratio der Erwachsenenwelt, die ihm so oft im Alltag begegnet.

Behnam glaubt an sich – meistens. Es gibt immer wieder Momente, in denen das neue Leben in der neuen Umgebung zu schwer wird für den Mann, der die Musik liebt und die Kinder. Dann ruft er Marion an und sie führen lange Gespräche. Und am Ende blickt er dann wieder nach vorne: „Ich will weiter Deutsch lernen, ich will meine Ausbildung machen. Und ich will positiv sein.“ Bis jetzt hat das gut geklappt.

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